Daniel Hagemeier MdL

Hausärztliche Versorgung unter Druck

Im Gespräch mit der KVWL: Wie lässt sich die ambulante Versorgung vor Ort langfristig sichern?

Wie lässt sich die hausärztliche Versorgung langfristig sichern? Diese Frage beschäftigt den CDU-Landtagsabgeordneten Daniel Hagemeier mit Blick auf seine Heimatstadt Oelde besonders. Der hausärztliche Versorgungsgrad liegt dort bei 87,2 Prozent, 66,7 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sind bereits über 60 Jahre alt. „Es ist allerhöchste Zeit, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass wir auch in zehn Jahren noch auf eine leistungsfähige Kranken- und Pflegeversicherung bauen können“, sagt Hagemeier. Welche Maßnahmen notwendig sind und wo beim neuen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz nachgebessert werden sollte, diskutierte er jetzt mit Vertreterinnen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Wie bleibt die hausärztliche Versorgung vor Ort zukunftsfest? Daniel Hagemeier und Anke Richter-Scheer von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) im Gespräch.Wie bleibt die hausärztliche Versorgung vor Ort zukunftsfest? Daniel Hagemeier und Anke Richter-Scheer von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) im Gespräch.

Praxiswissen aus dem Arbeitsalltag

Die Gesprächspartnerinnen kennen die Situation aus unterschiedlichen Perspektiven: Anke Richter-Scheer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVWL, ist selbst hausärztliche Internistin mit eigener Praxis. Sarah Binsfeld befasst sich als stellvertretende Leiterin des Geschäftsbereichs Honorar mit den Vergütungsregelungen für niedergelassene Ärzte. Leonie Petersen ist als Referentin im Bereich Sicherstellung mit den regionalen Versorgungsquoten und möglichen Lösungen vertraut.

Förderung ist wichtig

Im Fall Oelde gibt es bereits Unterstützung: „Oelde ist Förderkommune und wird es voraussichtlich auch erst einmal bleiben“, berichtet Petersen. Von den Fördermaßnahmen der KVWL profitieren beispielsweise Allgemeininternisten ohne Schwerpunkt oder Quereinsteiger. „Diese Unterstützung ist wichtig“, betonte Hagemeier. Denn Oelde ist aufgrund der Einwohnergrenze, die unter 30.000 liegen muss, nicht Teil des Hausarztaktionsprogramms des Landes NRW. Gleichzeitig werde es angesichts der Rahmenbedingungen zunehmend schwieriger, Mediziner für die Niederlassung zu gewinnen.

Ärzteschaft sieht „Spargesetz“ kritisch

Dafür sei nicht zuletzt die jüngst in die Wege geleitete Gesetzesänderung verantwortlich, waren sich die Expertinnen einig. Während der Gesetzgeber von einer „Finanzstabilisierung“ spreche, sieht die Ärzteschaft die Sparmaßnahmen kritisch. Zwei Punkte stehen besonders im Fokus: Ab 2027 entfallen die extrabudgetären Vergütungen für den Terminservice. Damit fielen nicht nur finanzielle Anreize weg, sondern auch ein wichtiges Steuerungsinstrument in der Patientenversorgung. Zudem sollen bislang extrabudgetär vergütete Leistungen wie Prävention, bestimmte ambulante operative Eingriffe oder Psychotherapie wieder in die Gesamtversorgung überführt werden. Die Ärzteschaft befürchtet, dass damit finanzielle Anreize für wichtige Versorgungsbereiche wegfallen. „Wir sind uns sicher: Die Kosten, die dadurch gespart werden, holen uns zwangsläufig wieder ein“, unterstreicht Sarah Binsfeld. „Aus unserer Sicht geht das in die falsche Richtung.“ Gerade in Regionen wie Oelde könne sich das negativ auswirken.

Permanenter Entwicklungsprozess notwendig

Hagemeier will die Kritik bei den zuständigen Stellen auf Landesebene einbringen. Die Notwendigkeit, Einsparungen im System zu erzielen, könne man nicht ignorieren, gleichwohl dürfe die hausärztliche Versorgung – gerade in ländlichen Räumen wie dem Kreis Warendorf – nicht leiden. Parallel zu den Sparmaßnahmen brauche es einen fortlaufenden Entwicklungsprozess für das Gelingen eines attraktiven Primärversorgungssystems mit seiner wichtigen Lotsenfunktion. Genau hier setze das NRW-Konzept „Ambulante Versorgung zukunftsfest gestalten“ an. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales hat gemeinsam mit Akteuren des Gesundheitswesens 15 Eckpunkte entwickelt. Im Mittelpunkt stehen unter anderem eine bessere Steuerung der Patienten, Primärversorgungspraxen, stärkere Teamstrukturen, Bürokratieabbau und eine Weiterentwicklung des Vergütungssystems. Der Prozess wurde 2024 gestartet, die Eckpunkte wurden im März 2026 vorgestellt. Darüber hinaus habe das Land NRW bereits die so genannte „Landarztquote“ erhöht: Dadurch sei der Anteil der Studienplätze an den Universitäten in staatlicher Trägerschaft von bislang 7,8 auf 8,8 Prozent gestiegen.

Mehr Anreize schaffen

Anke Richter-Scheer plädiert dafür, die Basis bei politischen Entscheidungen in Zukunft wieder stärker zu Rate zu ziehen. „Mit nur etwa 16 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen stemmen die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten rund 97 Prozent aller Patientenkontakte. Für eine zukunftsgerechte Versorgung – Stichwort Primärversorgungssystem – benötigen wir ein starkes und nachhaltiges Fundament. Entsprechende Vorschläge und Konzepte haben wir als ärztliche Selbstverwaltung bereits vorgelegt. Diese Expertise aus der Praxis muss bei der Strukturreform des Gesundheitswesens berücksichtigt werden.       

Fest stehe: Junge Ärztinnen und Ärzte müssten bessere Rahmenbedingungen für eine Niederlassung vorfinden – von weniger Bürokratie über finanzielle Unterstützung bis hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Andernfalls werde es zunehmend schwieriger, die hausärztliche Versorgung vor Ort aufrechtzuerhalten. Schon heute arbeiten mehr als ein Drittel der Ärzte im Verwaltungsbereich der KVWL im Angestelltenverhältnis – Tendenz steigend. „Das würde in letzter Konsequenz dazu führen, dass wir wieder über das System Polikliniken nachdenken müssen.“

Weichen stellen für die Zukunft

Daniel Hagemeier wünscht sich für Oelde – gerade auch angesichts der aktuellen Situation des Marienhospitals –, dass die Situation sich hier auf Dauer stabilisiert: „Die Stadt Oelde ist ein interessanter Standort, der ein attraktives Lebensumfeld bietet. Oelde zeigt zugleich, worum es geht: Gesundheitsversorgung ist Daseinsfürsorge. Wir müssen heute die richtigen Weichen stellen, damit die medizinische Versorgung vor Ort auch morgen noch gesichert ist.“